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Bildung für alle!

Bildung für alle!

Wer sich für die deutsche Sozialgeschichte interessiert, der kommt an Mönchengladbach nicht vorbei. Wissenschaftler aus aller Welt graben im Magazinturm unserer Stadtbibliothek nach Originaldokumenten. Der Volksverein sammelte nicht nur Bücher, sondern auch Broschüren, Zeitungen und Magazine. Nirgendwo sonst sind diese Dokumente in großem Umfang archiviert worden. Wir sprachen mit Marion Engbarth und Guido Weyer über die Volksvereinbibliothek.

Woraus besteht die Volksvereinbibliothek?
Guido Weyer: Der „Volksverein für das katholische Deutschland“ war Anfang des 20. Jahrhunderts mit über 800.000 Mitgliedern riesig. Ein wichtiges Thema für den Verein war es, Bildung für alle zugänglich zu machen. Das geschah unter anderem durch die Volksvereinbibliothek. Hier fanden Mitglieder Broschüren zu allen möglichen Themen, Monografien, Zeitungen und Magazine, aber auch Diareihen und natürlich Bücher.
Marion Engbarth: August Pieper, ab 1903 Generaldirektor des Volksvereins, hat die Bibliothek ins Leben gerufen. Er kam in Bochum erstmals mit dem Thema „Industrialisierung und Industriearbeiter“ in Kontakt und begann, entsprechende Publikationen zu sammeln. Das war der Grundstein für die sozialwissenschaftliche Bibliothek des Volksvereins. Es gab auch noch eine apologetische Bibliothek von Anton Heinen, die sich mit Glaubensfragen beschäftigte. Beide wurden später zusammengelegt.

Der Volksverein ist 1933 von den Nationalsozialisten verboten worden. Damit kam auch die Bibliothek zum Erliegen und es entbrannte ein Kampf um die Publikationen.
Guido Weyer: Richtig. Selbst die Niederländer waren interessiert, denn sie wussten, dass die Nationalsozialisten die Bücher und Broschüren rund um soziale Belange von Arbeitern und Familien zerstören wollten. Sozial war „links“ und „links“ war „kommunistisch“. Außerdem waren auch viele Schriften von Juden enthalten. Berlin setzte einiges daran, die Bibliothek zu konfiszieren. Der damalige Oberbürgermeister hat es geschafft, die Bibliothek in Mönchengladbach zu halten. Sie wurde für 65.000 Reichsmark ausgelöst und dann auf der Bismarckstraße im Keller des heutigen BIS unter Ruhe und Stillschweigen gelagert. So hat sie den Krieg weitestgehend überstanden.

Tandaradei von Johannes Hatzfeld

Welche Inhalte kann man entdecken?
Marion Engbarth: Es handelt sich um eine sehr fortschrittliche Bibliothek. Es gab allein drei Regalmeter „Frau im Beruf“. Da beschäftigte man sich beispielsweise mit Fragen wie „Was kann aus meiner Tochter werden?“. Wohlgemerkt vor 1933 – um die Jahrhundertwende. Zum Thema Frauenrecht gab es etwa 20 Titel, 90 Titel waren Biographien von wichtigen Frauenrechtlerinnen. Der Volksverein hatte ja auch die Zeitschrift „Die Frau im Volksverein“ herausgebracht.
Guido Weyer: Wir hatten vor einigen Wochen eine Anfrage für eine kleine Schrift. Eine Universität wollte eine Publikation aus der Volksvereinbibliothek digitalisieren, weil sie von der ersten Frau stammt, die an dieser Hochschule habilitiert hat.
Parteiwesen, Liberalisierung, Demokratie: Das sind Themen, die man in der Volksvereinbibliothek findet. Wir haben hier beispielsweise auch die ganzen Parteiprogramme von damals. Und lokale und regionale Zeitungen, wie beispielsweise die Rheinische Zeitung – 140 Bände von Ende des 19. bis Anfang des 20. Jahrhunderts – den Generalanzeiger für Mönchengladbach, die Rheydter Zeitung und viele mehr.

Wie gut sind die Bücher und Zeitungen erhalten?
Guido Weyer: Ab etwa 1850 wurde mit säurehaltigem Papier gearbeitet. Nach etwa 150 Jahren gibt es grundsätzlich Probleme mit diesem Papier. Das ist ziemlich genau jetzt der Fall. Das Papier nimmt Feuchtigkeit auf, wird gelb und brüchig – vor allem am Rand. Da damals aus Papiermangel oft bis an den Rand gedruckt wurde, gehen hier wichtige Informationen verloren, wenn wir die Bücher und Monografien der einzigartigen Volksvereinbibliothek nicht restaurieren. Hier stehen sehr viele Unikate. Teilweise sind die Bücher und Blätter am Rand mit handschriftliche Notizen versehen. Wir haben zahlreiche Exemplare, die dringend behandelt werden müssen. Allein das Geld fehlt. Der nächste Schritt ist die Digitalisierung. Wir reden aber über 94.000 Bände, 72.000 Monographien, 22.000 Zeitschriften. Wir bräuchten ein ganzes Jahrzehnt allein für die Digitalisierung – und natürlich die finanziellen Mittel. Wer soll das bezahlen?

Publikation der Volksvereinbibliothek

Im Krieg gingen einige Bücher und Monografien verloren. Schauen sie aktiv im Internet, ob sie irgendwo wieder auftauchen?
Guido Weyer: Wir persönlich nicht, aber ein Bekannter aus Köln verfolgt die Auktionen und Verkäufe. 2001 haben wir vier Bände aus dem Pfarrarchiv in Grefrath zurückbekommen. Anhand der Ausleihzettel in den Büchern war aufgefallen, dass sie zur Volksvereinbibliothek gehören. Nachdem der Volksverein 1933 verboten wurde, konnte ja niemand mehr die ausgeliehenen Bücher zurückbringen. Wer ein Exemplar mit dem Stempel des Volksvereins findet, kann es gerne zu uns in die Stadtbibliothek bringen. Wir würden es dann schnell digitalisieren. So ein Fund bleibt im Besitz des „Finders“, der Eigentümer sind jedoch wir. Wir freuen uns immer, wenn wir die verlorenen Exemplare dem Bestand wieder zuführen können.

Text: Sabrina Forst

Foto „Lehrer“: de.123rf.com/profile_bowie15

Fotos Bücher: Stadtbibliothek MG

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