25.10.2022
Aktuelles

Schon wieder Straßen umbenennen oder immer noch?

Liste mit angeblich umzubenennenden Straßen wirft Fragen auf

Editorial (erweitert) aus Hindenburger 11-2022

Vielleicht haben Sie es in der regionalen Tagespresse vor Kurzem schon gelesen - es ist eine Liste aufgetaucht, die angeblich jene Straßen und Plätze aufführt, die die Stadtverwaltung  umbenennen möchte. Diese haben wir auch bekommen. Anonym und ohne weitere Infos, außer dem Vermerk:
„Der Oberbürgermeister der Stadt Mönchengladbach (Name) plant die Umbenennung folgender Straßennamen. Vielleicht ist das für Ihre Arbeit von Interesse.“

Wie nicht anders zu erwarten, kam kurz nach Erscheinen des Artikels prompt das Dementi der städtischen Pressestelle, schließlich wird fast niemand in der Lokalpolitik oder in der Verwaltung nochmal eine ausgiebige, öffentliche Diskussion über Straßennamen führen wollen. Das Thema hat Sprengstoff und ist sehr geprägt von Emotionalität, Ideologie und Aktivismus und von all dem haben wir schon im Tagesgeschäft viel zu viel in dieser Stadt.

Warum gibt man Straßen eigentlich die Namen von Persönlichkeiten der Geschichte, aus Kultur oder auch Wirtschaft? Namen von Personen und Persönlichkeiten, die zu ihrer Lebzeit irgendetwas getan oder bewirkt haben, das eine solche Auszeichnung irgendwann einmal verdient hat? Die größtenteils auch zu Zeiten lebten, in denen oft andere Maßstäbe, andere Gesellschaftsnormen, andere Moralvorstellungen und andere Werte gegolten haben, als dies heute in unserer von Ideologie, Aktivismus und Cancel Culture geprägten Zeit der Fall ist?

Nehmen wir das Kaiserreich (1871-1918). Nazis gab es damals noch nicht, Nationalisten schon (das ist aber etwas gänzlich unterschiedliches). Das politische System war keine Demokratie und die Gesellschaft war - so wie jede andere im damaligen Europa - von Militarismus geprägt. Uniformen prägten das Stadtbild und waren im täglichen etwas normales. War das damals strafbar? nein! Ist das heute strafbar? Nein! Militarismus war und ist keine Straftat, nicht einmal eine Ordnungswidrigkeit. Er ist nur in modernen, ideologisch geprägten politischen Kreisen etwas sehr unbeliebtes, um das mal nett auszudrücken. Darum stehen auch 11 Namen auf dieser Liste, bei denen Militarismus als Grund genannt wird. Otto von Bismarck, General Blücher, General von Goeben, Generalfeldmarschall Graf von Haeseler, um nur die Prominentesten zu nennen... Paul von Hindenburg übrigens auch. Vielleicht hat man bei ihm ja dann doch festgestellt, dass der früher angeführte Grund - er wäre an Hitler Schuld - sich nicht halten ließ. Es stehen sogar Generäle auf der Liste, die in den napoleonischen Befreiungskriegen gekämpft haben. Nun ja, vielleicht wären Infotafeln an den entsprechenden Straßen der bessere Weg, denn dann würden die zuständigen „Umbenennungsaktivisten“ vielleicht mal eine Geschichtslehrstunde bekommen.

Zum Thema Militarismus noch eine Anmerkung... Unsere Bundesrepublik schickt seit 1992 ihre Soldaten der Parlamentsarmee in Auslandseinsätze, wo diese ihren Dienst an unserem Land verrichten und dabei sehr oft psychisch leiden und ebenfalls oft körperlich verletzt oder gar getötet werden. Andere wachsen in Situationen über sich hinaus und leisten in Gefechtssituationen, wie dem Karfreitagsgefecht in Afghanistan, übermenschliches. Mittlerweile gibt es wieder Kasernen aber auch Straßen, die als Zeichen des Dankes und des Respektes nach diesen Soldaten benannt sind. Werden Ideologen diese Namen in ein paar Jahrzehnten auch wieder wegen dann geltender, anderer Werte und Vorstellungen ändern?

Aber Militarismus ist ja nicht der einzige Grund, der auf der Liste aufgeführt ist. Es gibt auch Namen, hinter denen gar kein Grund steht und bei denen sich tatsächlich Fragezeichen auftun, bei mir zumindest...

  • Der Schriftsteller Bertold Brecht
  • Emil Wienands, ein durchaus bekannter Mönchengladbacher
  • Alexander Scharff, ehem. Bürgermeister von Hardt
  • Hanns Martin Schleyer, der von der RAF ermordete Arbeitgeberfunktionär
  • Robert Koch, der Namensgeber des Robert-Koch-Institutes (Bundesinstitut)
  • und einige andere...

Es gibt gute Gründe für Umbenennungen, nämlich dann, wenn es sich um überführte Straftäter handelt. Alle anderen Gründe müssen in ihren zeitlichen und geschichtlichen Kontext gesetzt und ohne Anwendung von heute geltenden Maßstäben, neutral geprüft und bewertet werden. Ohne ideologische Färbung der Sachverständigen. Erst dann sollte eine Umbenennung überhaupt Überlegt werden. Auch halte ich eine dann zu führende, öffentliche Diskussion für absolut unabdingbar, bevor irgendwelche Entscheidungen getroffen werden.

Natürlich ist mir durchaus klar, dass hinter verschlossenen Türen diese Anstrengungen wahrscheinlich vorangetrieben werden. So agiert zumindest die Politik, die ich auf so vielen beruflichen Ebenen kennen gelernt habe. Es wird also irgendwann wieder zu Umbenennungen kommen, allen voran wahrscheinlich die Hindenburgstraße, schließlich haben diverse TV-Serien und Cancel Culture Aktivisten in den Sozialen Medien ja eindeutig die geschichtlichen Fakten belegt, die so etwas begründen. Muss reichen.

Wir fangen derweil mal an, uns nach einem neuen Namen für den HINDENBURGER umzuschauen, der eigentlich nach unserer Haupteinkaufsstraße in Gladbach benannt wurde, auf dem wir unser erstes Agenturbüro hatten und der außerdem im Grundsatz unpolitisch ist - mit Ausnahme von mir übrigens, der ich erst in den letzten Jahren politischer und gegenüber den Akteuren kritischer wurde... das sollte aus Gründen der Fairness noch gesagt werden. Habe ich soweit ich weiß auch schon öfter...

Die und anonym zugestellte Liste stellen wir hier als Scan zur allgemeinen Einsicht online, denn Transparenz ist in unserer Zeiten wichtiger denn je. Vielleicht wird sie ja bei dem einen oder der anderen der sie betrachtet, auch einige Fragen aufwerfen.

Wenn Sie eine Meinung zum Thema haben, schicken Sie uns gerne eine E-Mail an redaktion@hindenburger.de. Konstruktive Kommentare wären nett und werden eindeutig bevorzugt.

Ihr Marc Thiele
Herausgeber