01.01.2022
Glosse

Spezies: Helikopterherrchen

Redaktion: Jessica Sindermann

Ich, 26, jung, dynamisch gehöre der Minderheit von Menschen in Deutschland an, die weder Haustiere hat, noch den Wunsch verspürt, eine vierbeinige Fellnase oder gar Samtpfote in ihren eigenen vier Wänden aufzunehmen. Weder als Seelentröster oder Lebensaufgabe, noch wie es zu Zeiten der Pandemie immer so schön heißt: „um mal rauszukommen“. Von exotischen Geschöpfen, die in Terrarien vor sich hinvegetieren und lediglich drei Mal am Tag die Futterluke aufsperren mal ganz zu Schweigen. Für diesen Anblick präferiere ich dann doch eher die Zoos. Doch damit unterscheide ich mich laut dem Zentralverband zoologischer Fachbetriebe von rund 50 Prozent deutscher Haushalte.

Obwohl wir durch unser großzügiges Grundstück jegliche Voraussetzungen für einen treuen Vierbeiner gehabt hätten- hat es in meinem Elternhaus bis zum heutigen Zeitpunkt, abgesehen von den Vögeln, Mäusen, Igeln und Blattläusen im Garten, nie Haustiere gegeben. Im Prinzip ist das bis heute so geblieben. Die einzigen Hunde und Katzen, die mich umgeben, sind die in der Nachbarschaft und die machen oftmals nicht nur genug Ärger, sondern mit denen erlebt man auch die kuriosesten Geschichten. Und doch geht der Trend in Richtung Vierbeiner: Insgesamt 14,8 Millionen Katzen und 9,4 Millionen Hunde leben in den Haushalten hierzulande, Tendenz steigend.

Da wir bereits vor zwei Jahren von einer Hundeinvasion im Wohngebiet heimgesucht wurden, sind nicht nur ruhige Sonntagmorgen seitdem Geschichte, sondern auch entspannte Stunden der Zweisamkeit im heimischen Gartenparadies. Die eher quiekenden als bellenden französischen Bulldoggen in den Nachbarsgärten, die von Zeit zu Zeit ausbüchsen, ihre Haufen auf unserem überaus gepflegten Grundstück verteilen und Knochen vergraben, die wir dann wiederum im nächsten Jahr vollkommen verwest und stinkend wieder ausgraben, sind sicher nett anzusehen und ab und an auch zu streicheln, aber nichts für MEIN heimisches Wohnzimmer. Und dennoch weiß ich oftmals nicht, was nervenstrapazierender ist: Die Fellnasen auf den Nebengrundstücken selber oder die entsprechenden Herrchen, die kontinuierlich und lautstark „Salomo!“ rufen und die restliche Nachbarschaft in dem Glauben lassen, ihr nach einer biblischen Gestalt benannter Bulldoggenrüde sei gehorsam. Verstörend ist damit einhergehend auch, wenn im Anschluss daran Sätze fallen wie „Probier‘ mal Mamas Eis, mein Schatz“, „und gleich geht es mit dem Papa in die Badewanne“ oder „jetzt ist Zeit für deinen Mittagsschlaf“. Ne ist klar… Da sträubt sich dann jedes meiner fünf Millionen Körperhaare und mein restlicher Sonntag ist ebenfalls hinüber. Aber es muss eben alles Bestmögliche für das Wohlergehen der Schützlinge getan werden.

So ist das übrigens auch bei den Helikoptereltern unserer Zeit. Kann Jaqueline Chayenne-Ashley nun endlich in ihrem eigenen Zimmer schlafen? Und wer sorgt dafür, dass sie heile zur Uni kommt, wenn Eltern als Begleitpersonen so langsam „uncool“ werden? Und wer erinnert den 18-Jährigen Karl-Justus bei Ankunft in der Jugendherberge Monschau daran, alle Daheimgebliebenen rechtzeitig darüber zu informieren, um Mutti vor einem Nervenzusammenbruch zu bewahren? Und natürlich ist bei Ausbildungsantritt sicher zu stellen, dass das mitgebrachte Ingwer-Kürbissüppchen beim Erhitzen auch auf die richtige Temperatur reguliert wird. Soll er das etwa selber machen? Er ist doch keine Maschine!

Abgeschreckt von den ganzen Vierbeinern, deren Herrchen und der Spezies Helikoptereltern im Umfeld steht für mich fest: Ich brauche nichts, das vier Beine und ein Fell hat – mir reichen mein Freund und somit zwei Beine und irgendwann einmal Nachwuchs, der selbst in der Lage ist, sich etwas Essbares zuzubereiten. Achja.. und Fische wären okay. Die stören immerhin nicht meinen Sonntag.