Der Schauspieler Philipp Sommer als Raskolinkow in Dostojewskijs „Schuld und Sühne“ Der Schauspieler Philipp Sommer als Raskolinkow in Dostojewskijs „Schuld und Sühne“
Foto: © Matthias Stutte
Philipp Sommer als Raskolinkow in Dostojewskijs „Schuld und Sühne“
01.10.2021
Kunst + Kultur

Philipp Sommer

Aus dem Leben eines (Theater-)Schauspielers

Redaktion: Jessica Sindermann

Scheinwerferlicht, große Theaterbühnen, facettenreiche Kostüme und Tag für Tag der Blick in mitfiebernde Gesichter – so stellen wir uns den Beruf eines Schauspielers vor! Schauspieler*innen sind wahre Individualist*innen und echte Künstler*innen in puncto Wandelbarkeit. Heute der frische, strahlende Teenager, morgen der hinfällige Greis. Am Nachmittag noch der Verbrecher in Picassos Atelier, einige Stunden später Prinz Hamlet auf der Bühne. Vom Bettler zum Edelmann, vom Prinzen zum Stallburschen und vom Helden der Geschichte zum Antagonisten einer anderen. Das bedarf eines jahrelangen Trainings und der Ausbildung an einer der begehrten Schauspielschulen.

Tausende träumen von einer solchen Karriere als Theaterakteur*in und bewerben sich jährlich an den staatlichen Schauspielschulen in ganz Deutschland. Dass der Weg zum Erfolg nicht immer einfach ist und vielerlei Hürden bereithält, ist den Wenigsten bewusst. Philipp Sommer, der seit der Spielzeit 2016/2017 ein fester Bestandteil des talentierten Theater-Ensembles in Krefeld/Mönchengladbach ist, bringt etwas Licht ins Dunkel und gibt beeindruckend ehrliche Einblicke in sein Leben als Schauspieler!

Geboren wurde der 34-Jährige mit dem Jugendtraum, irgendwann einmal die große Bühne zu bespielen, 1987 in der Kleinstadt Lohr am Main. „Bereits im Alter von 13 Jahren wusste ich, dass ich Schauspieler werden will – doch ich hatte keinen blassen Schimmer, wie! Ich komme nicht aus einer typischen Schauspielerfamilie; weder meine Eltern, noch meine Großeltern hatten etwas mit dem Schauspiel zu tun und zudem wuchs ich in einem kleinen Dorf auf, wo man insgesamt auch eher weniger mit dem Theater in Berührung kam“, erzählt er. Also informierte er sich über die Jahre, wie er seinem Berufswunsch näherkommen konnte; knüpfte Kontakte, sammelte Erfahrungen im Laientheater, nahm seine ersten Schauspielstunden und wurde auf Schauspielschulen aufmerksam. „Von Freunden wurde ich damals häufig dafür belächelt, dass ich ebendieses Berufsziel hatte. Viele waren pragmatische Handwerker – ganz nach dem Motto: Man lernt einen Beruf, baut ein Haus, gründet eine Familie und arbeitet in diesem Beruf bis zur Rente, Punkt! Und ich war eben überhaupt nicht so. Mein Traum war ein anderer und davon waren meine Eltern anfangs natürlich nicht sonderlich begeistert. Ich denke, so reagieren vermutlich alle Eltern, die relativ pragmatisch in der Gesellschaft leben und deren Kinder den Berufswunsch Schauspieler, Rockstar oder Ballerina äußern. Als sie dann jedoch irgendwann merkten, wie viel Leidenschaft dahintersteckte und wie viel Zeit und Arbeit ich in diesen Traum investierte, hatte ich ihre vollste Unterstützung.“

Trotzdem beschloss der damals 17-Jährige zunächst, nach seiner Schulzeit eine Ausbildung zum Buchdrucker zu absolvieren und im Anschluss daran noch zwei weitere Jahre als Geselle im Betrieb zu bleiben, um etwas Geld zurückzulegen. Stets präsent blieb währenddessen sein Traum, ein Studium an einer der Hochschulen für darstellende Kunst anzutreten und später einmal als Schauspieler tätig zu sein. „Und dann habe ich mich eben bei vier bis fünf staatlichen Schauspielschulen beworben mit dem Resultat, dass ich zunächst überall gnadenlos durchgerasselt bin!“, erinnert sich der 34-jährige zurück. „Da habe ich dann erstmal gemerkt, dass zwischen Vorstellung und Realität Welten liegen können und das Ganze offensichtlich nicht so einfach ist, wie ich vielleicht dachte.“ Doch Aufgeben war keine Option für den heutigen Schauspieler.

„Worauf kommt es eigentlich wirklich an?“, „Was macht mich als Bewerber interessant?“ – mit diesen Fragen beschäftigte sich Philipp Sommer nach dem Misserfolg intensiv und ließ sich nicht unterkriegen. „Ich hatte mich selbst zuvor viel zu sehr unter Druck gesetzt und wollte alles besonders gut machen. Und jeder kennt es – genau dann wird es meistens besonders miserabel! Diese Hürde musste ich loslassen und lernen, entspannter an Vorsprechen heranzugehen.“

Aufgrund der Wartezeit bis zur nächsten Bewerbungsphase besuchte er dann die Fachoberschule für bildende Kunst in Würzburg/Nürnberg, holte sein Abitur nach und nutzte die Zeit währenddessen, um sich ausgiebig mit Literatur und Theater auseinanderzusetzen. Seine Mühe, Disziplin und Willenskraft sollten belohnt werden: Von 2012 bis 2016 studierte er Schauspiel an der staatlichen Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Stuttgart und erhielt gleich darauf sein erstes Engagement am Theater Krefeld und Mönchengladbach.

In seiner bisherigen Schauspielkarriere kann Philipp Sommer bereits auf viele tolle Erfahrungen und Produktionen zurückschauen, bei denen er mitwirkte. So spielte er während seiner Ausbildung am Schauspielhaus in Stuttgart beispielsweise in Wilhelm Hauffs „Das kalte Herz“ (Regie: Armin Petras) und Elfriede Jelineks „Das schweigende Mädchen“ (Regie: Alia Luque), sowie in „Peer Gynt/Szenen“ (Regie: Thomas Krupa) und in Sean O’Caseys „A Silver Tassie“ (Regie: Christof Küster). Als Mitglied des Theaterensembles im Herzen unserer Stadt begeisterte er das Publikum bereits als Raskolnikow in Dostojewskijs „Schuld und Sühne“, als Karl Moor in Schillers „Die Räuber“, als Valère in „Tartuffe“, sowieso als Asasello und Jeshua in „Der Meister und Margarita“ und Leonce in „Leonce und Lena“. In der aktuellen Spielzeit ist er unter anderem zu sehen als Jeanne d’Arc in der Uraufführung „Der Fall D’ARC“, als Maik in „Tschick“, als Dirne in „Reigen“ und zudem in „Die Physiker“ und „Heimaterde“.

„Was ich an meinem Beruf besonders liebe, ist die Transformation. Zu Beginn meiner Schauspielausbildung dachte ich, das Großartige am Schauspiel sei es, „jemand anderes“ zu werden. Im Laufe der Zeit habe ich dann jedoch gemerkt, dass das nicht ganz der Wahrheit entspricht. Ich bleibe noch immer Philipp Sommer, auch wenn ich mich beispielsweise in die Figur Richard der Dritte transformiere. Ich darf Seiten von mir zum Vorschein bringen, die im Alltag verborgen bleiben. Das sind oft auch menschliche Abgründe wie Neid, Zorn oder Missgunst, die in uns allen existieren. Ich nutze meine Gefühle, um die entsprechende Figur innerhalb einer Geschichte darzustellen und lasse das Publikum daran teilhaben. Das ist das, was mich daran am meisten reizt und weswegen ich diesen Beruf ausübe!“, sagt er voller Begeisterung. Doch wie geht solch ein leidenschaftlicher Künstler damit um, wenn Theater- und Kultureinrichtungen plötzlich ihre Türen monatelang geschlossen halten müssen?

Er erinnert sich noch genau an den Tag im März 2020, als die Regieassistentin unmittelbar vor der geplanten Probe verkündete, dass diese ausfallen und das Theater zunächst für unbestimmte Zeit schließen müsse. „Dann sind wir alle gegangen und waren erst einmal für ein paar Wochen Zuhause, während wir permanent auf den Anruf warteten, dass es endlich wieder losgeht. Recht bald war allerdings allen klar, dass diese Situation uns noch einige Zeit begleiten wird und neue Formate her mussten!“ Diverse Audioproduktionen, unter anderem ein vierteiliger Podcast zu Jeanne d’Arc und dem hundertjährigen Krieg, sowie eine Live-Streaming Aufführung von „Wilhelm Tell“ standen auf dem Plan. Ansonsten widmete sich der Schauspieler während des Lockdowns dem Lesen, Malen, Spazierengehen in der Natur und Drehen von Kurzfilmen. „Da ist dann zum Beispiel ein 6-minütiger schwarz-weiß Horror-Stummfilm in meinem Keller entstanden. Ich hatte meinen Kopf voller Ideen, viel mehr Zeit als sonst und musste mich künstlerisch austoben. Das Ergebnis waren coole neue Projekte!“, erzählt er rückblickend.

Doch selbstverständlich fehlten ihm währenddessen die unmittelbaren Reaktionen des Publikums. „Es war schon surreal, diese gewohnte Rückmeldung aufgrund der neuen Formate nicht erleben zu können. Denn das ist grundsätzlich das, was das Theater vom Film unterscheidet – Theater passiert eigentlich unmittelbar im Moment. Dennoch bin ich froh und dankbar, dass es für diese Zeit Alternativen gab. Schließlich waren es Projekte, auf die ich mich gefreut hatte und hinter denen eine Menge Arbeit steckte!“

Für die Zukunft wünscht sich der Schauspieler, weiterhin Teil eines renommierten Theaterensembles zu sein und auch erfolgreich in Film- und Fernsehproduktionen mitzuwirken. „Komplett ohne die Bühne könnte ich einfach nicht!“, sagt Philipp Sommer. Eben ein echter Schauspieler mit Leib und Seele, der beweist, dass es sich für seine Träume zu kämpfen lohnt!