3 Fotos, links und recht ein gewebter tunesischer Teppisch und in der Mitte Chakchouka Gründerin Noura Micha 3 Fotos, links und recht ein gewebter tunesischer Teppisch und in der Mitte Chakchouka Gründerin Noura Micha
Fotos: © Noura Micha
Noura Micha gründete 2019 Chakchouka
01.08.2021
Lifestyle

Chakchouka

Ein Stück tunesische Kultur in Mönchengladbach

Redaktion: Jessica Sindermann

Zwischen Orient und Okzident; facettenreich, bunt, multikulturell, voller moderner Kultur und historischer Raritäten. Während neuzeitliche Großstädte einen Hauch von europäischer Lebensform versprühen, ist der Charme aus 1001 Nacht durch die Sahara gleichzeitig allgegenwärtig. Das alles ist Tunesien – ein Land zwischen Tradition und Moderne, das auf eine jahrtausendalte Geschichte des Kunsthandwerks zurückschauen kann.

Die Vielseitigkeit traditioneller tunesischer Handwerkskunst ist geprägt durch Motive und Muster in sämtlichen Farben und Formen, die sich auch hier in Deutschland inzwischen durchgesetzt haben. Modeketten und Möbelhäuser eignen sich diese an und verkaufen günstige Repliken, die unter schlechten Arbeitskonditionen produziert wurden, zu überhöhten Preisen.

Die 36-jährige Noura Micha möchte dem entgegenwirken und gründete 2019 „Chakchouka“, um ein Stück tunesische Kultur nach Mönchengladbach zu bringen und einheimischen Künstler*innen durch faire Vergütung ihrer Waren Respekt zu erweisen. Im Interview verrät die Halbtunesierin, was sie zur Gründung bewegte und was hinter ihrer Start-Up Idee steckt!

HINDENBURGER: Was verbinden Sie mit Tunesien?

Noura Micha: Tunesien ist mein Vaterland. Da mein Vater gebürtiger Tunesier ist und ich in einer gemischten Ehe großgeworden bin, (meine Mutter ist Deutsche) habe ich mein Leben lang beide Kulturen gleichermaßen miterlebt. Mehrmals im Jahr sind wir nach Tunesien gereist und haben sogar eine Zeit lang dort gelebt. Daher habe ich eine besondere, fortbestehende Verbindung zu diesem Land und den Menschen dort.

HINDENBURGER: Wie ist es zu der Gründung von „Chakchouka“ gekommen?

Noura Micha: Angemeldet habe ich „Chakchouka“ im Oktober 2019. Schon länger war mir bewusst, dass ich in meinem ursprünglichen Beruf als Krankenschwester nicht lebenslang arbeiten möchte. Aber ich lasse Dinge häufig einfach auf mich zukommen! Als meine Kinder, mein Mann und ich dann wieder einmal in Tunesien im Urlaub waren, sind mir diese bunten Teppiche ins Auge gestochen. Natürlich kannte ich sie aus meiner Kindheit von meinen Tanten und Großeltern, die ebenfalls gewebt und traditionelle Handwerkskunst hergestellt haben, doch in diesem besagten Sommer nahm ich die Kunst anders wahr. Ich war fasziniert und habe mir gedacht „Wow, das wären eigentlich wunderbare Mitbringsel für Freunde und Bekannte; oder vielleicht besteht bei uns in Mönchengladbach sogar Interesse an diesen Stücken.“ In der Vergangenheit war mir bereits aufgefallen, dass ähnliche Produkte von Möbelhäusern und Modeketten als Repliken angeboten wurden und innerhalb der letzten Jahre in Europa stark an Popularität gewonnen hatten. Das europäische Interesse daran fand ich generell toll, bevorzugte allerdings durch meinen persönlichen Bezug dazu das Original: Denn dahinter stehen Menschen, die diese Dinge mit ihren eigenen Händen fertigen und sie zu Einzelstücken mit Kultur und Geschichte machen! So startete ich dann den Versuch mit „Chakchouka“ und kam zunächst zurück mit einer Tasche voller Dinge – die hier letztendlich großartig ankamen! Inzwischen kooperiere ich fest mit einigen tunesischen Frauen, die mir regelmäßig ihre Handwerkskunst für den Vertrieb hier zukommen lassen.

HINDENBURGER: Welche Produkte umfasst Ihr Sortiment aktuell?

Noura Micha: Hauptsächlich habe ich mich auf Textilien wie Wandbehänge, Taschen, Hamam-Tücher und Teppiche spezialisiert. Diese Produkte sind durch ihre Form- und Farbgebung schön, individuell und gleichzeitig mühelos zu importieren. Ich hatte auch schon Töpferware in meinem Sortiment und habe damit ein tolles Projekt von großartigen Frauen unterstützt, aber der Transport dieser zerbrechlichen Ware nach Deutschland erwies sich leider als sehr komplex. Daher existieren davon lediglich ein paar Restbestände.

HINDENBURGER: Worauf legen Sie wert bei den Waren, die Sie verkaufen? Und im Einkauf dieser?

Noura Micha: In erster Linie möchte ich Dinge anbieten, die mir selbst gut gefallen und diese kaufe ich natürlich bei den Hersteller*innen direkt. Etwas in einer Fabrik produziertes zu erwerben ist für mich keine Option, da die Arbeitsbedingungen und Bezahlungen der Menschen dort in der Regel sehr problematisch sind. Die Frauen, mit denen ich zusammenarbeite, habe ich persönlich kennengelernt und weiß, sie genießen ihre Arbeit und es ist keinerlei Gewalt oder Ausbeutung im Spiel. Das ist mir sehr wichtig!

HINDENBURGER: Was ist das Besondere an Ihren Produkten?

Noura Micha: Ich sage immer, jedes der Teile ist ein Unikat. Es ist niemals eins wie das andere, da es sich um Handarbeit handelt. Sogar das verwendete Material wird zuvor von Hand verarbeitet: das Schaf wird selbst geschoren und die Wolle im Anschluss daran gesponnen und gefärbt, bevor sie zu den entsprechenden Textilien weiterverarbeitet wird. Jeder Produktionsschritt ist nachvollziehbar und der Prozess erstreckt sich oft über mehrere Tage und Wochen. Und das ist auch das Einzigartige an den Produkten – jeder, der ein Produkt bei mir erwirbt, ist im Besitz von etwas, das es SO kein zweites Mal gibt!

HINDENBURGER: Wo können diese erworben werden?

Noura Micha: Aktuell stelle ich noch in Rheydt auf der Stresemannstraße im Schaufenster aus, dort können Interessierte sich einen kleinen Überblick verschaffen. Über das Kontaktformular meiner Website chakchouka.de und meinen Instagramkanal chakchoukamg kann man mich jederzeit kontaktieren. Auch bei der E-Commerce-Website „etsy.com“ ist mein Sortiment zu finden. Sollte die Pandemie es irgendwann wieder zulassen, werde ich auf Märkten hier in der Umgebung vertreten sein und mein eigenes Ladenlokal in Mönchengladbach anstreben. Das wären meine Wünsche für die Zukunft von „Chakchouka“…

HINDENBURGER: Unzureichende Schutzmaßnahmen, extreme Leistungsanforderungen, niedrige Löhne – für rund 164.000 Tunesier*innen, davon 86% Frauen, ist das alltäglich. Vielleicht sollten wir alle unser Konsumverhalten überdenken und Bereitschaft zeigen, in fair produzierte Waren und Textilien zu investieren.

Wir drücken „Chakchouka“ die Daumen und bedanken uns für die Einblicke in die tunesische Kultur, liebe Frau Micha!


Sie interessieren sich für Produkte von Chakchouka? Im Schaufenster auf der Stresemannstraße kann man sich ein erstes Bild verschaffen, denn einen Laden gibt es (noch) nicht. Über das Formular auf www.chakchouka.de oder @chakchoukamg auf Instagram, kann man Noura Micha jederzeit erreichen. Verkauft wird aktuell unter anderem über das Portal etsy.com