September 2019

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Trainer Dieter Hecking
Nach knapp drei Jahren verlässt Dieter Hecking den VfL. Knapp drei Jahre, in denen sich die VfL-Fans fragen mussten, ob Borussias das Optimale erreichte. Eine Antwort wird der neue Trainer Marco Rose geben müssen. Foto: Borussia

Borussia spielt international

Dieter Hecking freute sich über das Erreichte, und wir sollten es dem scheidenden Trainer gleich tun

REDAKTION: INGO RÜTTEN

Das Saisonfinale und spätestens nach dem 4:0-Sieg des VfL in Nürnberg eine Woche zuvor heiß erwartete Aufeinandertreffen der beiden Borussias wurde für die heimische zu einem Spiegelbild der kompletten Saison. 0:2 hieß es am Ende aus Sicht von Borussia Mönchengladbach gegen die Namenscousine aus Dortmund. 0:2 aus Sicht von Dieter Hecking als Coach der einen gegen Lucien Favre, der bei der anderen Borussia seine erfolgreiche Rückkehr in den Borussia-Park feierte. Verloren hatten trotzdem beide: Gladbach verpasste die Champions League und Dortmund reichten die drei Punkte gegen souveräne Bayern nicht, um Meister zu werden.

Aber, beide Trainer einte es nach den stimmungsvollen 90 Minuten, dass sie das Erreichte als Erfolg verkauften. Auch hier zeigen sich erstaunliche Parallelen bei beiden Clubs. Dortmund verspielte neun Punkte Vorsprung auf Bayern und konnte in der Rückrunde kaum an die Leistungen der ersten Saisonhälfte anknüpfen. Das gilt auch für den VfL, wobei aus einem „kaum“ ein „fast nie“ zu machen wäre und aus neun Punkten lockere zwölf, die Hecking mit seiner Mannschaft auf Bayer Leverkusen als Konkurrenten auf einen Champions League-Platz binnen kürzester Zeit verlor: In der Abschlusstabelle liegt Bayer drei Punkte vor Borussia, das heißt, Borussia holte nach dem 20. Spieltag (nach drei Siegen zum Start aus der Winterpause) in 14 Spielen 15 Punkte weniger als Leverkusen.

Erfolg ja, aber mehr erhofft

Vor dieser Spielzeit hätten wir Borussia-Fans den fünften Platz gewiss als Erfolg angesehen. Aber nach einer Hinserie, in der die VfL-Elf offensichtlich über ihren Möglichkeiten spielte, hatte man doch mehr erhofft. Im Grunde hat Hecking Recht, wenn er den Einzug in die Europa League als Erfolg verbucht. Nach zwei neunten Plätzen in den Vorjahren darf man damit auch zufrieden sein. Was stört und was viele Anhänger auch gegen den scheidenden Trainer aufgebracht hat, sind neben einer gewissen Ambitionslosigkeit auch anscheinend fehlende taktische Kenntnisse, um auf verschiedene Situationen reagieren zu können. Kaum zu glauben! Aber es ist irgendwie noch unverständlicher, wenn man annimmt, dass Hecking einfach nicht reagieren wollte. Dahingehend dürfen die Fans auf den neuen Trainer hoffen, und vielleicht sind es genau die Gründe, warum Max Eberl frühzeitig entschieden hat, in Marco Rose frischen Wind an die Seitenlinie des VfL zu bringen.

Die Partie gegen Dortmund zeigte auf, warum es nicht für die Königsklasse reichen konnte. Nach einem wirklich guten Beginn blieb der VfL insgesamt in den ersten 45 Minuten die bessere Mannschaft. Aber mit zunehmender Spielzeit nahm der BVB auch schon vor der Pause das Heft in die Hand. Gravierend, wie oft der VfL den Gegner das Spieltempo, die Intensität und nahezu das komplette Geschehen auf dem Feld überlassen hat - nicht nur gegen Dortmund, viel zu häufig in der kompletten Saison und nahezu immer in der Rückrunde. Das 0:1, das nicht nur wegen des Zeitpunktes unmittelbar vor der Halbzeitpause ärgerlich war, entschied dieses Begegnung. Denn, wie so oft kam der VfL nicht nur personell unverändert aus der Pause, auch taktisch gab es keine Änderung. So waren es die Dortmunder, die den Ball in ihren Reihen führten und die kaum attackiert wurden – bis sie ein weiteres Mal eine eklatante Abwehrschwäche Oscar Wendts zum zweiten und entscheidenden Tor nutzten.

Warum kein Aufbäumen?

Ein letztes Mal musste sich der VfL-Fan fragen, warum seine Mannschaft nicht entschlossen versuchte, das Spiel zu drehen. Warum gab es kein Aufbäumen? Warum griff man den führenden Gegner nicht früher an und empfing ihn stattdessen Mitte der eigenen Spielhälfte mit zaghaften Zweikämpfen. Bezeichnend, dass Hecking den einzigen gelbverwarnten Borussen nach 60 Minuten ersetze und Tobias Strobl in die Partie brachte – dieser Spielerwechsel war wahrlich kein Signal für die Elf. Am starken Gegner Dortmund kann dieses Verhalten nicht gelegen haben, denn diese „taktische Lethargie“ zeigte sich auch schon in etlichen Heimspielen zuvor. Ohne Plan B ist es immer schwierig, wenn man nicht in Führung geht! Und insgeheim müsste man doch meinen, dass dieser recht gut bestückte Spielerkader zu mehr in der Lage sein sollte.

Trotzdem: über den fünften Platz sollten wir und dürfen wir uns freuen. Auch für Marco Rose ist das gar nicht so schlecht, er hat jetzt die Chance, dieses Ergebnis bald zu toppen. Auch ohne die garantierten Millionen aus der Königsklasse wird es personelle Veränderungen im Spielkader geben – Rose dürfte das ausgehandelt haben. Vor allem in der Hintermannschaft besteht Optimierungsbedarf: Wendt ist nicht (mehr) bundesligareif, Nico Elvedi lässt die nötige Konstanz vermissen, Druck in Form von starken Ersatzleuten gibt es ganz offensichtlich nicht. Nun kann es sein, dass ein neuer Trainer auch wieder ein paar Prozente mehr aus den Akteuren herausholt, aber mindestens einen wirklich guten linken Verteidiger braucht Borussia auf jeden Fall.

Ingesamt ist der Spielerkader hoffnungsvoll besetzt, wenn er weitestgehend so zusammenbleibt. Aber um den nächsten Schritt zu machen, muss Borussia nun gute Entscheidungen treffen und den Kader nicht nur in der Breite verstärken. Vielleicht fehlte es Hecking letztlich nur an dem einen oder anderen Spitzenspieler – wohlwissend, dass die aus vielen Gründen lieber anderswo gegen den Ball treten. Vielleicht ist das auch wiederum der Grund dafür, dass Dieter Hecking sehr nett von den Borussenfans verabschiedet wurde; denn letztlich ist dieser erreichte fünfte Platz vielleicht tatsächlich das Optimum, was der VfL erreichen kann. Freuen wir uns darüber!

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