September 2020

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MEDIZIN+CO

MEDIZIN+CO 03/2020

GESUNDHEITSBERUFE 2020

GESUNDHEITSBERUFE 2020
Foto: © Gerd Wiggers
Foto: © Gerd Wiggers

Interview mit Michael Hilgers

Sein SparkassenPark ist die erste Adresse der Region für Konzerte namhafter Musiker. Die Corona-Krise hat auch ihn und sein Unternehmen, wie die gesamte Eventbranche hart getroffen, doch anstatt den Kopf in den Sand zu stecken, wurde er kreativ und entwickelte mit dem Strandkorb-Open-Air ein innovatives Eventkonzept, das deutschlandweit für Furore sorgte, denn es ist in Zeiten von Abstands- und Hygieneregeln und dem fast gänzlichen Verbot von Großveranstaltungen ein Licht am Ende des Tunnels. Als sei das nicht genug, war er auch als Mitinitiator maßgeblich an der Gründung des neuen Vereins Corinna e.V. beteiligt, der es sich zum Ziel gesetzt hat, die Kunst-, Kultur- und Eventszene in der Krise (und danach) zu unterstützen. Der HINDENBURGER hatte die Gelegenheit mit Michael Hilgers über beides zu sprechen.

Wer hatte die Idee der Strandkörbe?

Michael Hilgers: Ich habe im März am Anfang der Corona Krise die leeren Strandkörbe an der Nord- und Ostsee gesehen und mir dann überlegt, dass sie doch für zwei Personen die perfekte Idee für Events wären. Es ist nicht so gezwungen, wie normalerweise bei den derzeitigen Einschränkungen. Dieses Nichtgezwungene und das Urlaubsfeeling, dann noch Künstler und auch noch Open-Air, bei schönem Wetter ist, glaube ich, das, was die Leute in dieser Situation annehmen und mögen. Wir haben uns dann im Team zusammengesetzt und versucht, die (damals noch) geltenden (strengeren) Schutz- und Hygieneregeln in einem realisierbaren Konzept umzusetzen. Mittlerweile sind die Regeln gelockert aber wir halten uns trotzdem an die ursprünglichen Planungen. Daraus ist dann das Strandkorb Open-Air geworden.

Sie haben 450 Strandkörbe. Woher kommen die?

Michael Hilgers: Unsere Mitarbeiter sind tatsächlich durch ganz Deutschland gefahren und haben Strandkörbe gekauft. Und zwar schon vor der Genehmigung des Konzeptes, also auch auf das Risiko hin, dass es nicht genehmigt werden könnte, weil wir davon überzeugt waren. Wenn wir jetzt erst die Körbe hätten kaufen müssen, wäre es finanziell nicht mehr möglich gewesen, denn die Strandkorbpreise sind mittlerweile sehr hoch. Das Investment war schon damals nicht gering aber aktuell zahlt man etwa 500€ für einen Strandkorb.

Wie aufwendig und kostenintensiv war die Konzeptentwicklung?

Michael Hilgers: Wir hatten ja nicht viel Zeit und uns kam zugute, dass wir hier im SparkassenPark bereits ein Sicherheitskonzept haben. Das Hygienekonzept haben wir dann anhand der bestehenden Regeln erstellt und mit dem Gesundheitsamt und Bauordnungsamt abgestimmt. Unsere Techniker und das Team haben die Unterlagen erstellt. Durch unsere 20-jährige Erfahrung und die gute Zusammenarbeit mit den Behörden wussten diese, dass das Konzept fundiert ist und funktioniert. Also vertraute man uns, dass wir das auch tatsächlich so umsetzen können.

Hilfreich war doch sicher auch, dass die Stadt ein Interesse hat, den Standort hier zu erhalten oder?

Michael Hilgers: Grundsätzlich ist die Eventbranche an sich geläutert und jede Kommune versucht, in dieser Krise Unternehmen zu erhalten. Aber unser Konzept hatte deutschlandweite Leuchtturmfunktion und da hat OB H.W. Reinders und auch der Landtagsabgeordnete Jochen Klenner die Idee mit allen ihren Möglichkeiten auch dem Land gegenüber hervorragend vertreten. Sonst wäre wohl auch der Satz, dass mehr als 100 Personen bei Veranstaltungen bei angepasstem Hygienekonzept möglich sind, nicht in die letzte Fassung der NRW Corona-Schutzverordnung aufgenommen worden.

Wie groß sind die Abstände der Körbe zueinander?

Michael Hilgers: Die Körbe selber sind immer 1,50 Meter voneinander entfernt, so wie es vorgeschrieben ist, wobei die Entfernung eigentlich größer ist, da von Hinterkante zu Vorderkante gemessen wird. Zudem stehen die Körbe versetzt, da man sonst die Sichtlinie zur Bühne nicht hat, die oben vor dem Verwaltungsgebäude aufgebaut wird.

Wie war die Resonanz der Künstler auf die Idee?

Michael Hilgers: Die finden das alle super. Natürlich freuen die sich auch – so gut und schön Autokinos auch sein mögen – darauf, wieder auf einer vernünftigen Bühne zu spielen und halt vor echtem, sichtbarem Publikum. Klatschen ist immer noch was anderes als Hupen.

Ein Teil der Künstler ist ja „Sitzkonzerte“ gewohnt oder hat zumindest Erfahrung damit aber wie stellt man sich z.B. den Gig von Timbo, Mia Julia oder Völkerball vor? Da ist sitzen ja eher ungewöhnlich. Ist Tanzen und Aufstehen möglich?

Michael Hilgers: Ja, ist es. Der Abstand der Körbe zueinander ist dafür groß genug und solange man sich vor seinem eigenen Korb aufhält ist das kein Problem.

Die Corona-Einschränkungen sind ja schon Hürde genug, Open-Air an sich immer ein Wetterrisiko. Gab es keine Option, das Konzept in der Red Box umzusetzen?

Michael Hilgers: Nein. Würde ich auch nicht machen wollen. Schon aus Platzgründen nicht und Open-Air ist nun mal Open-Air. Die Leute wissen, dass das Wetter so oder so sein kann. Bei schönem Wetter ist es super und wenn es regnet, ist es kult. Wenn man ehrlich ist und zurückblickt, erinnert man sich meistens zuerst an die großen Konzerte im Regen. Natürlich kann es auch richtig mies sein, aber irgendwie ist es dann doch kultig. Und hier sitzt man auch noch überdacht im Strandkorb. Besser kann man es doch gar nicht haben. Bei normalen Open-Air Konzerten kann man sich nicht unterstellen oder einen Schirm aufspannen (die sind ja verboten).

Apropos Risiken. Rechnet sich das Ganze überhaupt oder hat es doch eher einen symbolischen Charakter nach dem Motto „Schaut her, wir leben noch“?

Michael Hilgers: Wenn wir nicht an eine bestimmte Auslastung glaubten, würden wir es natürlich auch nicht machen. Das rechnet sich nur auf Masse, also eine gewisse Anzahl an Veranstaltungen, die gemacht werden müssen.

Haben Künstler Gagen reduziert?

Michael Hilgers: Ja, das geht ja gar nicht anders. Es sind ja auch viele Künstler dabei, die nie vor 900 Leuten spielen würden. Es hilft natürlich auch, dass die Künstler selber auch was machen wollen, teilweise nicht mal, um ihren Geldbeutel aufzufrischen, sondern um ihrem Team, das oft schon sehr lange für sie und mit ihnen arbeitet, Jobs zu geben. Natürlich hilft es auch, dass wir so gute Kontakte zu vielen Managements und Künstlern haben und die das Konzept auch toll finden. Nachdem das Programm veröffentlicht wurde, kamen direkt weitere Anfragen von Künstlern. Wir müssen da aber auch aufpassen, denn wir können ja nicht hundert Veranstaltungen machen.

Wie läuft der Vorverkauf?

Michael Hilgers: Ich bin wirklich sehr glücklich über die Entwicklung und hätte nicht gedacht, dass wir schon am ersten Tag so viele Tickets verkaufen, so dass ich jetzt schon weiß, dass das Thema funktioniert.

Sie veranstalten ja nicht nur Konzerte und Events in Mönchengladbach. Gibt es Pläne, das Konzept in andere Städte zu portieren?

Michael Hilgers: Wir haben Anfragen aus einigen Bundesländern, z.B. aus Hessen, Rheinland-Pfalz, Saarland, die das machen wollen und fragten, ob wir das für sie umsetzen können. Wir mussten aber auch bereits Anfragen ablehnen, weil die Bedingungen dort vor Ort die Umsetzung unmöglich machten. Das Hauptthema dabei ist die Höhe der Bühne, die etwa 6 Meter hoch sein muss und das geht halt nicht überall. Das platte Land ist eher ungeeignet, man braucht schon eine Open-Air-Location oder ein Stadion.

Auf welchen Act freuen Sie sich am meisten?

Michael Hilgers: Auf den Ersten, aber einfach nur, weil es endlich wieder los geht.

Ein anderes Projekt, bei dem Sie als Mitinitiator auch maßgeblich beteiligt sind, ist Corinna, der neu gegründete Verein, der die lokale Kunst-, Kultur- und Eventszene neu aufstellen und unterstützen soll. Ist Corinna beim Strandkorb Open-Air irgendwie eingebunden?

Michael Hilgers: Ja, für jeden verkauften Strandkorb gibt es eine Spende von € 1,- an Corinna e.V.!!!

Was genau ist Corinna e.V. eigentlich?

Michael Hilgers: Corinna ist erst einmal ein gemeinnütziger Verein, der Geld sammelt. Das ist die Hauptaufgabe. Dieses Geld soll dann an in Mönchengladbach ansässige Künstler, Freischaffende, Kulturtreibende, Spielstätten etc. verteilt werden, die durch Corona in Not geraten sind oder Unterstützung brauchen. Bedürftig ist jetzt ein schwieriges Wort aber es trifft leider in der Eventbranche auf einige zu. Der Verein hält aber nicht nur einfach die Hand auf und sammelt Spenden, sondern tut auch selber etwas und das, so gut es geht, ehrenamtlich. Für diese eigenen Aktionen – egal ob Veranstaltungen, Projekte, Streamings oder was auch immer, wird dann Geld eingesammelt in Form von Eintrittsgeldern, Sponsorenmittel, Spendengelder etc. um die Kasse des Vereins zu füllen. Die Vereinsgelder werden dann auf Vorschlag der Mitgliederversammlung an betroffene Institutionen oder Künstler oder Soloselbständige etc. ausgezahlt.

Am Ende des Tages würde ich mir folgendes Ergebnis wünschen: es gibt den städtischen Kulturetat von etwa 130.000 € und es wäre toll, wenn Corinna die gleiche Summe generieren könnte, so dass am Ende der Corona-Problematik vorgesorgt wäre und die Kultur sich finanziell doppelt gut und breit aufgestellt hätte und somit auch doppelt soviel Etat für die Kultur zur Verfügung stände.

Corinna ist laut an die Öffentlichkeit gegangen, nun, ein paar Tage nach dem Kickoff-Event, ist es sehr ruhig geworden. Wie soll die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit und damit die Unterstützung weiter erhalten werden, bis zum Superevent 2021?

Michael Hilgers: Ich finde, wir sind mit unserem ersten Live Stream immer noch in aller Munde. Wir werden noch diverse Live-Streams haben, ich werde auch das Strandkorb-Open-Air-Gelände hier im SparkassenPark öffnen, wo wir einen Live-Stream machen wollen, bei dem auch Publikum anwesend sein kann, womit wir wiederum Gelder für den Verein generieren können. Es wird noch weitere Events geben, das kann eine Kunstausstellung sein, ein Musikevent oder was ganz anderes – wir sind da für Vorschläge offen und alle können Mitmachen und teilhaben.

Wie ist der Mitgliedszuspruch seit der Gründung?

Michael Hilgers: Wir haben schon über 100 Mitglieder. Im Juli wollen wir eine Mitgliederversammlung machen, also die erste nach der Konstituierenden und auch nicht als Livestream sondern als Live-Veranstaltung, wo wir nochmal alles rund um Corinna erklären und weitere Vorschläge und Ideen diskutieren können, was wir machen, wer alles mitmachen kann, welchen Zweck Corinna verfolgt etc. Jeder ist herzlich willkommen, als Mitglied oder Unterstützer.

Herr Hilgers, vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg für das Standkorb-Open-Air und Corinna.

Mehr Infos zum Strandkorb-Open-Air unter www.sparkassenpark.de
und zu Corinna e.V. unter www.corinna-mg.de.

Das Interview führte Marc Thiele.

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