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MEDIZIN+CO

MEDIZIN+CO 02/2020

GESUNDHEITSBERUFE 2020

GESUNDHEITSBERUFE 2020
Foto: © Holger Scholl
Foto: © Holger Scholl

Joscho Stephan

Seit über 20 Jahren trifft bei dem Mönchengladbacher Gitarrenvirtuosen Joscho Stephan Traditionsverbundenheit auf Modernität und technische Brillanz. Vor allem den Musikstil von Django Reinhardt, der weltweit zu den bedeutendsten Musikern des Gypsy Swings zählt und vor 67 Jahren verstarb, hat Joscho Stephan neu interpretiert, ohne seine künstlerischen Wurzeln zu verleugnen.

HINDENBURGER: Herr Stephan, wie erklären Sie Ihre doch recht spezielle Musik jemandem, der sie noch nie gehört hat?

Joscho Stephan: Ich mache sehr gitarrenlastige Instrumentalmusik. Als Überbegriff ist Swing wohl das eheste, was man dem Zuhörer mit auf den Weg geben kann, der noch keine Berührungspunkte mit dieser Musik hatte. Ob man das jetzt Gypsy Swing nennt - das ist schon wieder eher was für die Spezialisten, die das auch direkt mit dem Namen Django Reinhardt in Verbindung bringen. In Sachen Swing hat uns auch beispielsweise Robbie Williams sehr geholfen. Das ist immer gut, wenn jemand sowas mal wieder für die breite Masse produziert. Wir versuchen immer, auch Dinge zu machen, die der übliche Gypsy Swing Musiker eben nicht spielt. „Hey Joe“ von Hendrix ist ein Beispiel, „Rondo Alla Turca“ von Mozart ist ein anderes. Das mischen wir mit Eigenkompositionen oder Swing-Klassikern und merken, dass das ein für die Nische größeres Publikum anspricht.

HINDENBURGER: Sie bringen immer wieder kleine Gimmicks und Zitate unter. Ist das als Hommage zu sehen, oder passiert das aus Spaß an der Freude?

Joscho Stephan: Das Zitieren hat mir immer schon Spaß gemacht. Das ist wie bei meinen Ansagen. Viele davon sind auf der Bühne spontan entstanden. Wenn man dann merkt, dass etwas gezündet hat, dann nimmt man das natürlich auch mit auf. Und bei den Zitaten war das ähnlich. Das ist reine Spielfreude. Außerdem muss man sich auch trauen, den Gypsy Swing musikalisch zu erweitern, damit man durch neue Einflüsse auch neues Publikum gewinnen kann. Auch bei Künstlern, die anfangs fast verschmäht waren, wie zum Beispiel Paco de Lucia im Flamenco oder Astor Piazzolla im Tango, war man erst nicht begeistert. Aber durch diese Öffnung haben die die Musik auf der ganzen Welt viel populärer gemacht. Und das ist das, was ich im Kleinen mit dem Gypsy Swing versuche.

Foto: © Hans Jürgen Krah
Foto: © Hans Jürgen Krah

HINDENBURGER: Sie spielen nicht nur Gypsy Swing, sondern auch Gypsy Jazz oder Gypsy Klezmer…

Joscho Stephan: Die Leute brauchen bei einem Künstler immer einen gewissen Wiedererkennungswert. Sie suchen sich einen Künstler aus, weil die aktuelle Musik gefällt. Für viele Künstler ist es schwierig, da raus zu kommen, damit man mal neue Sachen machen kann. Bei mir ist das über die verschiedenen Besetzungen passiert. In Erkelenz spiele ich demnächst mit der Formation „Acoustic Rhythm“, da geh ich in den Bereich Latin Jazz. „Gypsy trifft Klezmer“ mit Helmut Eisel ist ein anderes Projekt oder ich spiele mit dem Gladbacher Schlagzeuger André Spajic, wo ich dann auch schon mal zur E-Gitarre greife. Bei meinem Trio gibt es die meisten anderen Einflüsse. Nach knapp 25 Jahren auf der Bühne ist es wichtig, dass man auch für sich selbst die Musik spannend hält. Dafür brauche ich Abwechslung. Das geht vielen Kollegen so. Tommy Emmanuel beispielsweise, ein großartiger Künstler, merkt man nicht an, wie lange er schon auf den Bühnen unterwegs ist. Und das möchte ich auch für mich bewahren.

HINDENBURGER: Sie haben mit 16 das erste Mal auf der Bühne gestanden?

Joscho Stephan: Auf der Bühne gestanden habe ich schon vorher. Mein Vater hat mir die ersten Akkorde beigebracht, da war viel von den Beatles dabei. Deren Musik bin ich bis heute verpflichtet, damit bin ich groß geworden. Danach hatte ich klassischen Gitarrenunterricht bei Jerzy Makowski. Aber ich habe bereits mit 10 Jahren gemerkt, dass ich einen anderen Weg einschlagen wollte, und habe dann angefangen, mir Sachen autodidaktisch anzueignen, die Soli rauszuhören bei Santana, Gary Moore, Joe Satriani und was es damals alles so gab. Mit ca. 13 bin ich auf Django Reinhardt gestoßen und war total begeistert. Und total schockiert, weil das so weit weg war von allem, was ich bis dahin gemacht habe - irgendwie unterhaltend, eine Form von Jazz, hat Rhythmik, Virtuosität und vereint unheimlich viel, was für jemanden, der als Gitarrist Karriere machen möchte, vonnöten ist. Mit 16 hatte ich meinen ersten Auftritte damit. Zusammen mit meinem Vater und einem Kontrabassisten, da war das Trio eigentlich schon geboren. Und 1996 ist Max Schaaf als Bassist dazu gekommen, der bis 2012 durchgängig bei uns gespielt hat. Er ist zwar ausgestiegen, spielt aber heute immer mal wieder mit. Das zeigt ja auch, dass die Stimmung in der Formation funktioniert.

HINDENBURGER: Das kommt ja auch auf der Bühne durchaus rüber. Mitunter geht es ja recht flapsig zu.

Joscho Stephan: Naja, klar. Jeder in der Band hat seine Rolle, die er erfüllen muss. Mitunter nehmen das Zuschauer sehr ernst und entwickeln nahezu Mitleid, wenn es der Geiger mal wieder drüber kriegt. Denen muss dann erklären, dass Sebastian Reimann ganz bestimmt nicht mehr mit uns spielen wollen würde, wenn das alles wirklich so wäre. Wir haben alle einen sehr respektvollen Umgang miteinander, musikalisch kann sich jeder einbringen, wobei ich ganz klar der Chef bin. Das mach ich mitunter auch ganz unbewusst, wie jemand, der beim Tanzen immer die Führung übernimmt. Man kann kein Bandleader sein, wenn man nun mal kein Bandleader ist.

Foto: © Holger Scholl
Foto: © Holger Scholl

HINDENBURGER: Sie sind in der Nachwuchsarbeit tätig. Sowohl mit Unterricht, Tutorials im Internet, als auch mit Workshops.

Joscho Stephan: Mit dem Unterricht habe ich vor ca. 15 Jahren angefangen. Ich find das super, wenn ich sehe, wie viele junge Musiker es gibt, die Gypsymusik spielen. Als ich angefangen habe, da war hier auf weiter Flur nichts Derartiges zu finden. Ich hatte mit Stochelo Rosenberg und Biréli Lagrène meine Vorbilder, die jetzt wieder eine andere Generation repräsentieren und so langsam in den Legendenstatus rutschen. Heute ist vieles austauschbar geworden. Typen wie Brian May, Santana, Jeff Beck oder Eric Clapton erkennt man immer noch nach 5 Sekunden. Mir sagen viele, dass sie mich auch innerhalb kürzester Zeit erkennen. Ich glaube, das liegt daran, dass ich unbedarft an die Sachen rangehe und mich nie gescheut habe, meine Rockeinflüsse mit reinzubringen, mal was bluesiges zu spielen oder andere Jazzsachen zum Gypsy Swing zu mischen und aus diesem Gebräu wird dann ein eigener Stil. Und das ist etwas, das ich versuche meinen Schülern beizubringen: nicht rein nachzuspielen, sondern selbst etwas zu kreieren.

HINDENBURGER: Stichwort Django Reinhardt – wir müssen drüber reden!

Joscho Stephan: Ja, natürlich müssen wir drüber reden! Wir haben Django Reinhardt vieles zu verdanken – wenn nicht sogar alles. Django Reinhardt ist immer noch der Übervater dieses Stils. Er spielt so fein und so ausgearbeitet, dass man das mitunter, selbst als Profi, gar nicht mitbekommt – aber er war und ist über jeden Zweifel erhaben. Was da technisch und musikalisch passiert ist, das ist halt das, was wir alle nicht sind: Genie. Wir sind vielleicht überdurchschnittliche Musiker, aber man muss sehen, was er alles geschaffen hat – die Kompositionen, überhaupt die Idee zu haben, dieses Saitenensemble zu gründen. Da geht es nicht nur um sein Spiel, das ist mir zu klein gedacht. Man muss das Ganze sehen, und er ist mit Sicherheit der größte europäische Musiker, den der Jazz hervorgebracht hat.

HINDENBURGER: Sie haben unter anderem auch Filmmusik gemacht?

Joscho Stephan: Ja, der Film hieß „Mich kriegt ihr nicht“ und es ging um einen KZ-Überlebenden. Ich habe das irre gern gemacht. Da muss man ein Gespür dafür haben, was passt. Der Wunsch war, dass es nicht zu melancholisch wird, da durften auch fröhliche Stücke bei sein.

HINDENBURGER: Der Künstler Manfred Weil, um den es in dem Film geht, war ja auch alles andere als ein Trauerkloß.

Joscho Stephan: Eben! Und das wäre ihm dann auch nicht gerecht geworden. Der war so lebendig bei der Sache und das muss die Musik dann auch wiedergeben.

HINDENBURGER: Wann kann man Sie wieder live erleben?

Joscho Stephan: Die nächsten Möglichkeiten in der Nähe sind am 21.03. in Niederkrüchten mit meinem Trio und Timo Brauwers, am 25.04. in Erkelenz mit der Formation Acoustic Rhythm sowie am 29.04. hier in Mönchengladbach mit meinem Quartett in der Citykirche.

Weitere Termine stehen natürlich auf meiner Webseite https://www.joscho-stephan.de. Hier sind die Termine für das erste Halbjahr aufgeführt, das 2. Halbjahr wird baldigst nachgepflegt.

Highlights für mich sind mit Sicherheit eine kleine Italientour im März; ich bin immer wieder und gerne in Polen. Und Anfang August und im September wieder in den USA, wo ich mit diversen Gruppen spielen werde und Gast bin von John Petrucci, dem Gitarristen von Dream Theater. Der ist Fan von Gypsy Swing und von mir und hat mich eingeladen. Im September gibt es dann die 1-monatige US-Tour mit dem Trans Atlantic Guitar Trio. Das ist eine sehr, sehr interessante Formation mit Richard Smith, der spielt Fingerstyle-Gitarre und Rory Hoffman, ein blinder Musiker, der die Gitarre auf dem Schoß liegen hat und so ein bisschen spielt wie Jeff Healey seinerzeit. Mit dieser Formation werde ich im Anschluss in Deutschland touren und auch einen Auftritt in Mönchengladbach geben, das wird voraussichtlich am 12.10.2020 sein.

Herr Stephan, vielen Dank für das Gespräch.

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