Juli 2019

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Trainer Dieter Hecking
Trainer Dieter Hecking wird Borussia nach der Saison verlassen (müssen). Er darf sich sicher sein, dass alle VfL-Fans ihm die Daumen für einen guten Abschied drücken, Foto: Borussia

Noch etwas Zeit

Schafft es VfL-Trainer Dieter Hecking, seinen Frieden mit Borussia zu finden und sich einen guten Abschied zu verschaffen?

REDAKTION: INGO RÜTTEN

Wer hätte gedacht, dass die mahnenden Stimmen in der Winterpause tatsächlich eher eine selbsterfüllende Prophezeiung statt bloßer Schwarzmalerei waren? Nach einer sensationellen Hinserie mit 33 Punkten am Ende, einer gefühlten Ewigkeit auf Rang zwei und noch dazu vor den großen Bayern in der Tabelle platziert – da musste man sich doch eigentlich nicht allzu viele Sorgen für die Rückrunde machen. Auch an dieser Stelle haben wir uns bereits auf die Champions League gefreut, mehr noch, wir haben uns darauf eingestellt, zu groß schien zwischenzeitlich der Vorsprung des VfL auf Rang fünf.

Aber, eine self-fullfilling prophecy ist eben eine Vorhersage, die über direkte oder indirekte Mechanismen ihre Erfüllung selbst bewirkt. Und laut Wikipedia ist einer dieser Mechanismen, dass derjenige oder diejenigen, die an die Vorhersage glauben, sich auch so verhalten, dass sie sich erfüllt. Fußball ist anerkanntermaßen eine Kopfsache – warum also soll die selbsterfüllende Prophezeiung nicht verantwortlich dafür sein, dass Borussia in dieser Saison tatsächlich noch sogar den Europa League-Platz verspielt?

Nun, soweit ist es drei Spieltage vor dem Saisonende glücklicherweise noch nicht. Aber ehrlicherweise muss man sagen, dass es nicht viel gibt, was einem VfL-Fan für das Saisonfinale Mut machen könnte. Zumindest gibt die jüngere Vergangenheit nicht viel her. Nachdem die Mahner Recht behalten haben, dass Trainer Dieter Hecking „keine Rückrunde kann“, muss man auch daran glauben, dass die letzten Spieltage keine allzu großen Punktgewinne mehr für den VfL parat haben.

Rückblick macht keinen Mut

Rückblick: Nachdem Hecking Borussia in der Saison 2016/17 auf dem 14. Tabellenplatz übernommen hatte, brachte er den VfL wieder in Schuss und führte ihn bis drei Spieltage vor dem Saisonende in die unmittelbare Nähe der Europapokalplätze. Zwei Punkte hinter dem SC Freiburg und drei hinter Werder Bremen leistete sich Borussia aber in den letzten drei Spielen gegen Augsburg, in Wolfsburg beim Beinahe-Absteiger und gegen Absteiger Darmstadt nur drei magere Unentschieden. Am Ende musste man sich angesichts der schwachen Hinrunde nicht nur mit dem neunten Tabellenplatz trösten, sondern man hatte sogar damit zufrieden zu sein.

Ein Jahr später hatte Borussia dieses Mal eine gute Hinrunde hingelegt, zumindest was die Punkteausbeute anging. Doch nach der Winterpause wollte auch das nicht mehr so recht klappen, so dass der VfL vor den letzten drei Spielen bereits vier Punkte hinter RB Leipzig in der Tabelle rangierte. Ein 1:1 auf Schalke und der 3:1-Sieg gegen den SC Freiburg ließ die Chance auf den Einzug in den Europapokal bis zum Ende offen – die 1:2-Niederlage bei Absteiger Hamburger SV am letzten Spieltag ließ die Hecking-Elf aber wiederum auf dem neunten Platz landen.

Und heute? Drei Spieltage vor dem Ende der Saison ist noch alles drin, auch wenn Borussia nach einer überragenden Hinrunde in der zweiten Saisonhälfte arg enttäuscht hat. So stimmt nicht nur die Vergangenheit und die jüngere Statistik trübe. Borussia spielt zuhause noch gegen die TSG Hoffenheim und Borussia Dortmund, das sind alles andere als leichte Aufgaben. Besonders gefährlich scheint irgendwie aber vor allem das Gastspiel beim 1. FC Nürnberg, denn gegen designierte Absteiger hat Borussia im Saisonfinale gefühlt noch nie Punkte geholt.

Max Eberls frühes Fazit

VfL-Sportdirektor Max Eberl hat schon vor ein paar Wochen für sich ein Fazit und damit einen Schlussstrich unter die Ära Hecking gezogen. Dadurch, dass er den scheidenden Trainer aber bis zum Saisonende im Amt beließ, nahm er ein erneutes Scheitern im Bemühen um einen Startplatz im internationalen Geschäft in Kauf. Indes, es wäre Hecking zu gönnen (und den VfL-Fans sowieso), dass sich Borussia noch belohnt: nicht für die biederen Vorstellungen der Rückserie, aber für den tollen Angriffsfußball der ersten Saisonhälfte.

Wie es auch kommen mag. Marco Rose wird vieles ändern, denn mit dem neuen Trainer und dessen Assistenten wird so oder so ein neuer Wind im Borussia-Park wehen. Ob der viel umworbene Coach Borussia dorthin führt, wo die Fans den VfL sehen möchten und wo sich auch Eberl klammheimlich das Team wünscht? Eine Halbserie lang hat der starke Spielerkader in dieser Saison gezeigt, was ihn ihm steckt. Ein starker Kader alleine aber reicht für eine lange Saison offensichtlich nicht, dazu braucht es auch einen entsprechend starken Mann an der Seitenlinie. Dieter Hecking hat Borussia stabilisiert, aber er ist ein Trainer fürs Mittelmaß, nur in Ausnahmefällen reicht es zu mehr.

Fußball ist Kopfsache, und wenn das Ding funktioniert mit der selbsterfüllenden Prophezeiung, dann dürfen wir uns schon jetzt auf eine tolle nächste Spielzeit freuen – mit oder ohne internationale Spiele. Denn die Vorschusslorbeeren für Rose als Trainer sind immens – jetzt müssen wir nur noch alle fest genug daran glauben, dass er dem gerecht werden und dass er auch Rückrunde kann! Bis dahin ist noch etwas Zeit: Zeit für uns, um Daumen zu drücken für die letzten Spiele dieser Saison. Zeit für Eberl, um die kommenden Abgänge mit neuem Personal zu kompensieren und wenn möglich den Kader gezielt zu verstärken, was besonders in der Abwehr auf den Außenverteidigerpositionen dringend erforderlich ist. Und Zeit für Dieter Hecking, sich doch noch erfolgreich zu verabschieden und somit seinen Frieden finden zu können mit dem Engagement und dem dann doch etwas plötzlichen Abschied von Borussia.

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