Juli 2019

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Umdenken! Handeln! Jetzt!

Es ist Zeit, den Kopf aus dem Sand zu nehmen und den Blick nicht mehr länger vor der Realität zu verschließen. Ignoranz und Verleugnung sind keine Lösung. Es muss sich etwas ändern in Mönchengladbach -in den Köpfen und im Handel(n).

Haben Sie es mitbekommen? Die alteingesessene und renommierte Buchhandlung Wackes auf der Hindenburgstraße schließt, Prolibri am Schillerplatz ebenso (Odenkirchen bleibt erhalten). Als ich vor ein paar Tagen die Hindenburgstraße hoch ging, fiel mir ein lapidarer Zettel im Schaufenster des Kunsthauses Krichel (Ecke Wallstraße) auf - ab jetzt sei man nur noch Online aktiv. Ich muss gestehen, ich bin geschockt.

Wir vom Hindenburger haben immer schon die Fahne für den Einzelhandel hoch gehalten - der Shoppingguide, der Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, eigentlich aufzeigen soll, welchen Einzelhandel wir (noch) in der Stadt haben, ist da nur einer unserer Versuche, aber ehrlich - so langsam gehen auch uns die Argumente aus.

Überall in der Stadt gibt es neue Ideen, tolle Projekte mit viel Zukunftperspektive - mg+ wachsende Stadt, Seestadt, Maria Hilf Terrassen, Markthalle, ein boomender Nordpark, um nur ein paar Stichworte zu nennen und trotzdem stirbt Mönchengladbach im inneren Kern. Rheydt liegt schon im Koma und Gladbach fällt gerade rein und scheinbar tut niemand etwas dagegen - außer Maulen und Motzen natürlich.

Für die Mönchengladbacher Einwohner ist hier wie immer alles doof, scheiße, unattraktiv und überall besser als hier, außerdem ist die Stadt sowieso alles Schuld und jedes Argument pro Amazon und Co. und contra stationärer Einzelhandel wird akzeptiert.

Die Stadt selber hat die Innenstadt scheinbar aufgegeben, denn außer einem Rahmenplan Abteiberg gibt es keine Ideen für eine Reanimation - Handel ist ja sowieso aussichtslos. Kann das der richtige Weg sein? Der Nordpark boomt, Güdderath ist voll - wieso gibt es keine „Projektgruppe Einzelhandel“, einen „Rahmenplan Innenstadtwiederbelebung“ oder zumindest einen dieser beliebten Workshops mit Bürgerbeteiligung zum Ideen Sammeln?

Der Handel selber scheint entweder resigniert zu haben oder verharrt in einer nicht zu erklärenden Denke von „never change a running system“. Nehmen wir den Fashion Day - wir hatten damit nichts zu tun und wollten uns da auch mit Kommentaren raus halten, und die sehr engagierten Veranstalter mögen es mir verzeihen - aber wieso, liebe Einzelhändler, gab es so wenige, aktive Teilnehmer aus Ihren Reihen bei den Modenschauen und Live-Aktionen? Die Hälfte der Geschäfte auf der Hindenburgstraße hat irgendwas mit Mode zu tun. Haben Sie es nicht nötig, war es zu aufwendig? An Kosten kann es nicht gelegen haben, denn so hoch waren die nicht. Da kommen engagierte Veranstalter mit einer Idee, kauen quasi alles vor, entwickeln ein Konzept, sorgen für Technik, Genehmigungen und Aufbau und trotzdem macht das Gros nicht aktiv mit - außer denen, die wirklich was machen wollen und die Notwendigkeit erkannt haben.

Die in 2020 kommende Markthalle auf dem Kapuzinerplatz ist ein großartiger Impuls für die Stadt, ich drücke ganz fest die Daumen, dass sie angenommen wird und zumindest diesen Teil der Oberstadt wieder belebt. Aber ein paar Zweifel ob der Stadtentwicklung an sich seien gestattet.

Lassen Sie mich mal ein Worst-Case-Szenario durchspielen....

Unsere Gladbacher Innenstadt besteht zum Großteil aus Filialen der üblichen Handelsketten und kaum noch lokalem inhabergeführten Einzelhandel mit echtem Bezug zu unserer Stadt. (Rheydt lasse ich jetzt mal außer Acht, denn da ist das Koma ja schon fast unwiderrufbar).

Ketten und Handelskonzerne sind umsatzfixierte Unternehmen, die meistens nach rein wirtschaftlichen Fakten entscheiden, ob ein Standort bestehen bleibt oder geschlossen wird. So ist unser Wirtschaftssystem nun mal.

Bedingt dadurch, dass die Kunden immer seltener ihren Weg in die Innenstadt finden und immer weniger Geld im stationären Handel lassen, wird der Betrieb von Geschäften immer unwirtschaftlicher. Die mit dem kleinsten Portemonnaie schließen zuerst - meist die inhabergeführten Geschäfte. Die Ketten können länger durchhalten aber auch hier sagt irgendwann irgendwo ein anonymer Controller: „ So! Mönchengladbach ist unrentabel! Wir schließen da. Und das ist Domino Day! Wir haben aktuell vier, ich nenne es einmal „Anker“ auf der Hindenburgstraße: Karstadt-Kaufhof, das Minto, P&C und Sinn. Wie sähe die Innenstadt aus, wenn drei davon schlössen. Ein Szenario, das vielleicht nicht gerne durchdacht wird, aber für mich durchaus mittelfristig im Bereich des Möglichen ist - ohne jetzt dunkle Geister beschwören zu wollen.

Sinn und Karstadt-Kaufhof machen auf Konzernseite schwere Zeiten durch. Ob die aktuellen Strategien langfristig funktionieren, steht in den Sternen. Fallen die Umsätze in Mönchengladbach weiter, wären beide für mich zumindest Kandidaten auf etwaigen Schließungslisten. Damit hätten wir an beiden Enden der Hindenburgstraße riesige Leerstände, die so schnell nicht zu füllen wären. Der Dominoeffekt würde beginnen. P&C ist auch immer wieder gerne mal ein Wackelkandidat, bei dem das Management schön öfter zumindest über Veränderungen nachgedacht hat. Bei einer Schließung wäre das der endgültige Todesstoß für die Oberstadt. Noch weniger Attraktivität, noch weniger Umsatz, noch mehr Schließungen, noch mehr Leerstand, noch weniger Kunden, und irgendwann beginnt es im Minto.

Ich gebe zu ein sehr drastisches Worst-Case-Szenario, aber wir müssen nicht weit gucken, um zu sehen, welche Auswirkungen es hat, wenn wir unsere Innenstädte aus dem Fokus verlieren: Rheydt. Und hier ist der Negativtrend noch nicht abgeschlossen.

Mönchengladbach braucht dringend ein Umdenken auf allen Ebenen.

Einwohner, die trotz sinkender Attraktivität ihre Bücher, Hosen, Schuhe etc. nicht mehr bevorzugt online kaufen, sondern lokal - auch wenn es manchmal etwas teurer ist und man beim Einkauf nicht bequem auf dem Sofa liegen kann.

Ein Einzelhandel, der miteinander kooperiert statt lieber nichts zu tun, der wieder Mut entwickelt und versucht zu investieren - auch in Onlineangebote - und der gemeinsam versucht, die Attraktivität der Innenstadt zu steigern.

Immobilienbesitzer, die endlich einsehen, dass Abschreibungsobjekte auf Dauer nicht die Lösung sind, die Mieten senken, renovieren und einsehen, dass der Wert der Immobilie steigt, wenn die Umgebung floriert und attraktiv ist.

Eine Stadt, die die eigenen Innenstädte wieder ganz oben auf die Agenda setzt, näch Lösungen sucht, querdenkt, flexibler wird und den Handel nicht abschreibt, für die Zwischennutzungskonzepte nicht der Weisheit letzter Schluss sind und Ebay nicht der perfekte Partner ist. Auch neue Verkehrskonzepte können eine Rolle spielen.

Ich kann auch keine Lösungen anbieten, nur Gedankengänge. Am Ende kommt es auf Wollen, Können und Machen an. Das Verhalten der Kunden ändern erst einmal auch keine Medienkampagnen. Der Mensch ist ein träges und faules Wesen und in Mönchengladbach zudem auch noch mit einer wohl angeborenen Negativhaltung versehen. Die Veränderungen müssen im Kleinen beginnen - bei der Stadt und den Unternehmern.

Mehr Fashiondays, Gourmetfeste und Ähnliches, an dem sich so viele wie möglich beteiligen. Gute Events, mit Partnern von Außen und keine Stände mit Putzlappen und Bürsten und chaotisch geplante verkaufsoffene Sonntage. Ein Förderprogramm für den Einzelhandel muss her, das diesem Onlineaktivitäten ermöglicht, durch Know-How, Technologie und auch Finanzmittel. Das bestehenden Ängsten und Vorurteilen aber auch Resignationen entgegentritt. Partner? WFMG? IHK? Hochschule? KFW? Land NRW? Bund?

Auch auf Immobilienseite muss sich etwas ändern (lassen). Natürlich eher langfristig und vielleicht auch erst auf Bundes- oder Landesebene. Abschreibungsobjekte müssen unattraktiv werden. Vermietungen und Instandhaltung müssen interessanter für Investoren sein. Eine Gemeinde muss Einfluss nehmen können auf gewollten Leerstand - zur Not auch mit Enteignung. Ich weiss - radikal, aber man darf keine Gedanken ausschließen - es muss eine Lösung her, zumindest aber ein Ansatz. Gibt es die rechtlichen Rahmenbedingungen nicht, muss die Politik sie schaffen - bei Werbeflächen, Begrünung und Öffnungszeiten geht es ja auch.

Holt die Hochschule ins Boot. Da sind die jungen Experten, die Querdenker, die Start-Up-Gründer, die Designshop- und Frühstücksbar-Eröffner, die IT- und Wirtschaftsprofis - eben die, die in der Kette des Rettungsankers ein wichtiges Glied sein könnten.

Und zu guter Letzt kann ein Blick über die Grenze nicht schaden. Für ein neues Rathaus fährt man zur Ideenfindung und zum Austausch ja auch nach Holland. Wie schafft man es in Belgien und den Niederlanden (es gibt mehr als Venlo und Roermond), die Innenstädte attraktiv zu halten?

Ich weiss, ein Artikel, beim dem viele wohl erst einmal den Kopf schütteln, sich vielleicht sogar angegriffen oder missverstanden fühlen können aber auch so beginnen (Denk) Prozesse. Und die haben wir in Mönchengladbach mehr als nötig.

Redaktioneller Hinweis:

Auf den folgenden Seiten des ShoppingGuides finden Sie lokale Einzelhändler aus den Bereichen Fasion / Style und Living / Interior.

Sie haben eine Meinung zum Thema? Schreiben Sie uns eine E-Mail an redaktion@hindenburger.de. Wir sind gespannt.

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