Einige Spieler der Borussia Mönchengladbach spielen vor Fan-Pappaufstellern im Publikum Einige Spieler der Borussia Mönchengladbach spielen vor Fan-Pappaufstellern im Publikum
Foto: © Borussia Mönchengladbach
Sportdirektor Max Eberl und der neue VfL-Trainer Adi Hütter müssen Borussia wieder Leben einhauchen und die letzte Saison vergessen machen: Damit vor echten Fans wieder eine intakte und erfolgreiche Mannschaft auftritt.
01.06.2021
Sport

Erfolg ist etwas Fragiles

Marco Rose hat den Karren vor die Wand gefahren, jetzt muss er wieder in die Spur

Redaktion: Ingo Rütten

Wenn diese Saison den Borussenfans und nicht zuletzt den VfL-Verantwortlichen etwas klar gemacht hat, dann ist es wohl die Tatsache, dass der Erfolg der letzten Jahre hart erarbeitet war und für Borussia immer noch etwas sehr Fragiles darstellt. Nun darf man getrost behaupten, dass die Verantwortlichen diese Erkenntnis lange genug penetrant nach außen getragen haben. Dagegen haben sich die Fans oft euphorisiert und hoffnungsfroh eher davon freigemacht, was häufig zur viel zitieren „zu hohen Erwartungshaltung des Umfeldes“ führt – nicht nur bei Borussia. Und trotzdem ist es besonders bitter und ärgerlich, dass der Rückschritt in dieser Saison ausgerechnet zu einem Zeitpunkt erfolgt, an dem auch die Verantwortlichen glauben durften, Borussia könne fortan selbstbewusster an ihre Aufgaben herangehen und auch außerhalb des Platzes forscher agieren, was rein verbal im Zusammenhang mit der Verpflichtung von Marco Rose als Trainer vor rund zwei Jahren zunächst auch geschah.

Der Trainer ist gescheitert, auch mit der Vereinsbrille auf der Nase kann man zu keinem anderen Schluss kommen. Das Ziel von Sportdirektor Max Eberl, mit Rose an der Seitenlinie neue Impulse zu setzen, Borussia einen gehörigen Schub für die Zukunft zu geben und unter den Topclubs Deutschlands zu etablieren: gescheitert, Ziel meilenweit verfehlt. Es ist jetzt einfach und doch teilweise richtig, diese Entwicklung auf den Trainer zurückzuführen. Aber Eberl muss in diesem Sommer alles hinterfragen, denn auch die Spieler und nicht nur das Trainerteam standen in dieser Saison in der Pflicht. Das Auftreten, die Körpersprache, das Miteinander erinnerte manchmal schon an die Saison 2006/2007, als Borussias Kader eigentlich internationalen Ansprüchen genügen sollte, die Mannschaft dann aber bestehend aus Akteuren mit eigenen Zielen und Interessen sang und klanglos abstieg.

Bester Spielerkader jemals

Ganz so dramatisch ist es in diesem Jahr nicht gekommen, denn der Spielerkader an sich dürfte so ziemlich der beste sein, den Borussia je gehabt hat. Nur, zu viele Ausstiegsklauseln und zu viele Interessenten in Form anderer Clubs haben es möglicherweise verhindert, dass aus dieser Ansammlung von Klasse eine Mannschaft entstehen kann, die sich trotz der Diskussion und der Enttäuschung um Marco Rose um ihre Saisonziele kümmern kann oder besser: kümmern möchte. So eine Entwicklung ist selten an einer bestimmten Situation festzumachen, aber natürlich hat die Ankündigung Roses, dass er Borussia verlassen werde, viel damit zu tun.

Nicht nur, dass viele Spieler enttäuscht gewesen sind, vielmehr fühlten sie sich auch bestätigt, dass sie den Verein wechseln müssen, wenn sie auf Dauer erfolgreich sein möchten. Rose hat das mit seiner Entscheidung eindrucksvoll vorgelebt, er glaubte nicht an seine eigene Mission, vielleicht auch, weil er den Hype um seine Person am besten selbst einschätzen kann. Dass Rose auch nur mit Wasser wäscht, hatten auch einige Borussenanhänger nach dessen erstem Jahr beim VfL vergessen. Rose hatte mit etwas mehr Glück als sein Vorgänger und im Gegensatz zu Dieter Hecking die Champions League erreicht. Das peinliche Ausscheiden in der Europa League zuvor und die schwache Rückrunde kamen erst in diesem Jahr wieder in Erinnerung.

Zukunft sah unter Hecking besser aus

Insgesamt hat Rose fast alles vermissen lassen, was man sich von ihm versprochen hatte. Er hinterlässt eine Mannschaft, ja einen kompletten Club, der verunsichert, hadernd und zweifelnd die letzten beiden Jahre zu erklären versucht. Rose hat keinen Spieler im Kader besser gemacht, er hat keinen Nachwuchsmann ans Team geführt und schon gar nicht ins Team. Er hat seine Fußballphilosophie zwar mitgebracht, aber nur kurzfristig verfolgt. Für Rose könnte das Engagement und das zweite Jahr beim VfL so etwas wie ein Wendepunkt in seiner Laufbahn sein, der Hype ist vorbei und in Dortmund weiß man schon lange nicht mehr, ob man sich auf ihn freuen soll. Und Borussias Zukunft sah unter Hecking auch besser aus als heute, Rose hat zu wenig aufgebaut und zu viel zerstört. Nur gut, dass Adi Hütter bei Eintracht Frankfurt ein ähnliches Dilemma angerichtet hat! Der Neue wird sich das alles beim VfL jetzt noch einmal genauer ansehen und hoffentlich mit Eberl die richtigen Schritte daraus ableiten.

Borussia Spielerkader wird sich verändern (müssen). Vielleicht braucht es tatsächlich eher die hungrigen Talente im Borussia-Park und weniger die auch anderswo nachgefragten Jungstars, die durch eingehende Angebote zu leicht nachdenklich werden. Ein schmaler Grat. Mit dem Geld, das die zu vermutenden Abgänge einbringen, kann Eberl einiges bewerkstelligen: Der Sportdirektor hat mit seinem Scoutingteam in den zurückliegenden Jahren bewiesen, dass er die richtigen Akteure an den Niederrhein locken kann. Bei Marco Rose hat er falsch gelegen! Auch wenn er das niemals zugeben wird, das ist nicht von der Hand zu weisen. Rose hat den Karren vor die Wand gefahren, jetzt muss er wieder in die Spur, Erfolg ist für Borussia etwas Fragiles, aber nichts Unmögliches!