Adi Hütter auf dem Fußballsplatz, er verschränkt die Arme. Adi Hütter auf dem Fußballsplatz, er verschränkt die Arme.
Foto: © Borussia Mönchengladbach
Adi Hütter hatte das Spiel in Leverkusen vor der 0:4-Pleite am 2. Spieltag zum Schlüsselspiel erklärt, das sagt auch etwas über den neuen VfL-Trainer.
01.09.2021
Sport

Um Punkte und Prestige

Ende September gegen Dortmund geht es erstmals gegen den EX

Redaktion: Ingo Rütten

Die Saison in der Fußball-Bundesliga hat dieses Mal schon früh einige Besonderheiten zu bieten, was angesichts der Rahmenbedingungen zumindest im Falle des VfL Borussia Mönchengladbach wohl kaum eine Überraschung darstellen kann. Es gibt einige Gründe, warum die VfL-Fans, die Verantwortlichen und erst Recht wir hier an dieser Stelle dem Team samt seines neuen Trainers Aldi Hütter in diesem Jahr alle Zeit der Welt gönnen sollten, um sich und um zu einer stabilen Form plus erfolgreichem Fußball zu finden. Die gute Nachricht aber vorweg, die beinahe im turbulenten Auftakt in die neue Spielzeit etwas untergeht: Endlich wieder freuen und ärgern sich Fans, VIPs, Frauen, Männer, Kinder, also echte Menschen auf den Tribünen. Auch wenn das Corona-Geschehen volle Stadien noch nicht zulässt, auch ein halbvoller Borussia-Park bringt eine komplett andere Atmosphäre mit sich als ein leerer.

Auch daran wird sich mancher Spieler wieder gewöhnen müssen, wenngleich es wohl kaum jemanden gibt, der nicht vor Zuschauern spielen möchte. Die meisten im Borussen-Kader kennen ihre Heimstätte, wenn sie voll ist und brodelt, wenn in der Nordkurve der 12. Mann zu tausenden die eigene Mannschaft nach vorne peitscht. Der Trainer und seine mitgebrachten Co-Trainer kennen das in dem Maße noch nicht, aber sie haben im ersten Heimspiel dieser Saison bereits einen tollen Vorgeschmack bekommen – womit wir beim sportlichen Auftakt sind. Das 1:1-Unentschieden gegen den FC Bayern München hat schon mal angedeutet, zu was Borussia in der Lage ist. Dass der VfL gegen die großen Bayern und den alten Rivalen auftrumpfen kann, wussten wir aus der Vergangenheit. Aber es ist beruhigend zu sehen, dass es auch nach den zwei Jahren unter Marco Rose noch geht, die sehr enttäuschend und sportlich nahezu in einem Desaster endeten.

Versagen ist vermutlich ein Segen

Dass Borussia in diesem Jahr nicht international spielt, ist ein Versagen des Ex-Trainers, der das nicht mehr ausbaden und sich nun nach Niederlagen in Dortmund erklären muss. Für den neuen Coach ist es vermutlich ein Segen, auch wenn er das nicht zugeben wird, nicht zuletzt, weil er natürlich auch gerne in Europa gespielt hätte. Adi Hütter hatte durch seinen Wechsel bereits darauf verzichtet, mit Eintracht Frankfurt international zu spielen, aber bestenfalls schaut er weiter in die Ferne als es Rose je beim VfL getan hat und freut sich auf Europa-Cup-Spiele mit dem VfL in der Zukunft. Dazu bedarf es möglichst vieler Leistungen wie jene gegen Bayern, auch wenn es in diesem tollen Spiel letztlich nur zu einem Punkt gereicht hat. Durch die fehlenden Europapokal-Termine im Kalender hat Hütter indes aber auch mehr Zeit und Gelegenheit, sich mit der Mannschaft nach solchen Spielen wie das bei Bayer Leverkusen zu beschäftigen.

Der neue Trainer selbst hatte die Partie des zweiten Spieltages als „Schlüsselspiel“ bezeichnet, aber wenn man sich den Kommentar von Max Eberl nach dem Spiel anhört, muss man hoffen, dass Hüter da so richtig falsch liegt: „Es gibt Tage, an denen wäre man lieber zuhause geblieben. Ich denke, dass wir das Spiel direkt zu Beginn verloren haben. Wenn man bei einem spielstarken Gegner wie Bayer Leverkusen nach acht Minuten 0:2 hinten liegt, dann ist man erst einmal richtig im Hintertreffen“, meinte der Sportdirektor nach der 0:4-Pleite, die mehr als nur Prestige und Punkte gekostet hat. Bayer feierte sich für seine Zweikampfhärte, was Stephan Lainer mit einer schweren Knöchelverletzung bezahlte und was Alassane Plea und Marcus Thuram erhebliche Knieblessuren einbrachte.

Dass die beiden Letztgenannten noch im Spiel in Leverkusen im VfL-Dress dabei waren, ist schön, aber nicht selbstverständlich. Thuram soll vor der Partie aber seinem neuen Trainer gesagt haben, er bleibe trotz des Angebotes von Inter Mailand. Ein sehr spät auf Touren gekommenes Transfergeschehen und der Druckbeginn dieser Ausgabe lassen es nicht zu, über den Spielerkader oder das Personalkarussell zu diskutieren. Man kann eigentlich nur hoffen, dass Eberl guten Ersatz in der Hinterhand hat, der auch dann noch zu haben ist (oder war?), wenn sich die begehrten Borussen zu einem Wechsel entschieden haben. Dass Bewegung in den Kader kommt, scheint unumgänglich, die Frage ist eben, wann das geschieht.

0:4 leicht zu erklären

Das 0:4 in Leverkusen war natürlich unnötig und auch zu erklären. Zwei schnelle Gegentore zu Beginn, der verschossene Elfmeter kurz vor der Pause, die Verletzungen und so weiter. Vielleicht der berühmte Schuss vor den Buck zur rechten Zeit, als sich die Borussen nach dem guten Auftakt gegen Bayern gerade wieder in höhere Sphären redeten. Hütter hat sich in Frankfurt einen Namen gemacht mit seiner forschen und ambitionierten Art und Ausdrucksweise, damit er sich das beibehalten kann, dürfen sich solche Auswärtsspiele nicht zu oft wiederholen. Aber, sowohl die Leistung gegen Bayern als auch das kollektive Versagen in Leverkusen sollten zu diesem Zeitpunkt nicht zu groß gemacht werden. Die Europameisterschaft, eine dadurch komplizierte Vorbereitung – gerade für und mit einen neuen Trainer – oder eben auch die Unsicherheiten wegen des stockenden Transfermarktes, was offensichtlich gerade für Borussia in diesem Jahr ein Problem darstellte. Alles Gründe und Erklärungen, für den Start. Die drei Spiele im September werden dann schon eher richtungsweisend, zwei davon für die Tabelle. Das verbliebene ist das Topspiel des 6. Spieltages, dann kommt Rose mit seiner neuen Mannschaft nach Mönchengladbach und dann muss der VfL zeigen, wo er steht. Dann geht es nämlich ums Prestige!